ACAT ruft auf zum Gebet für die Opfer von Folter

Wie jedes Jahr begeht ACAT (Actions des Chrétiens pour l’Abolition de la Torture) den 26. Juni, die Journée internationale des Nations-Unies pour le soutien aux victimes de la torture, mit einer Veillée und weiß sich im gemeinsamen Gebet aller Christen verbunden mit den Opfern von Folter weltweit.

Aktionen wie die der ACAT, zur Unterstützung von gefolterten oder zum Tode verurteilten Menschen, sind eine Art und Weise, „für andere“ da zu sein. Dies gilt auch für das Gebet, die Fürbitte. Dietrich Bonhoeffer, der im April 1945 im KZ Flossenbürg hingerichtet wurde, hat immer wieder auf den Wert der Fürbitte hingewiesen und auf die Öffnung im Gebet, so dass auch der Feind zum Bruder werden kann: „Wer dem Nächsten die Fürbitte versagt, der versagt ihm den Christendienst. Es ist klar geworden, dass die Fürbitte nicht eine allgemeine, verschwommene, sondern eine ganz konkrete Sache ist. Es geht um bestimmte Menschen, um bestimmte Schwierigkeiten und darum um bestimmte Bitten. Je klarer meine Fürbitte wird, desto verheißungsvoller ist sie.“1

In diesem Coronajahr wird es keine zentrale Veillée geben. Stattdessen fordert ACAT seine Mitglieder und alle Christen, die die Anliegen der Opfer von Folter ins Gebet tragen wollen, auf, sich alleine oder in kleinen informellen Gruppen am 26. Juni um 18 Uhr dem Gebet anzuschließen. Materialien für die Gebetswachen in Text, Bild und Ton können auf der Internetseite von ACAT heruntergeladen werden (https://acat.lu/nuit-des-veilleurs-2020/); die Broschüre kann auch bestellt werden über Mail (acatluxembourg@gmail.com) oder Telefon (+352 621 220 208) unter Angabe der gewünschten Sprache (deutsch oder französisch).

Der Schrei Hiobs – im Zentrum der Veillée 2020

Mein Lebensatem schwindet, meine Tage sind ausgelöscht, nur Gräber bleiben mir! Wahrhaftig, nur Spott begleitet mich. In ihren Bitterkeiten verbringt mein Auge die Nacht. (…) Dahin sind meine Tage, zerrissen meine Pläne, meine Herzenswünsche. Sie machen mir die Nacht zum Tag; das Licht sei nahe, während das Dunkel hereinbricht. Was kann ich erhoffen? Die Unterwelt wird mein Haus, in der Finsternis breite ich mein Lager aus. Zur Grube rufe ich: Mein Vater bist du!, Meine Mutter, meine Schwester!, zum Wurm. Wo aber ist meine Hoffnung? Meine Hoffnung, wer kann sie erblicken? Fährt sie zur Unterwelt mit mir hinab, sinken wir vereint in den Staub. (Hiob 17,1-2.11-16)

Während den ersten Wochen des Lockdowns, im März-April dieses Jahres, haben wir eine ungewöhnliche Stille erfahren: keine Autos, kein Flugverkehr; alles schien bewegungslos, als ob die Erde aufgehört hätte sich zu drehen, die Luft war rein, die Natur atmete auf. Vor allem nachts konnte man diese äußere Stille wahrnehmen – und doch wusste man um den Unfrieden unserer Welt: hörte man nach innen, so hallte die tiefe Stille wider von den Schreien so vieler Menschen – den Kranken, Einsamen, Getrennten, Vergewaltigten, Gequälten, Gefangenen dieser „Erde die sich dreht und dreht mit ihren großen Blutbächen“ (Jacques Prévert). Wie umgehen mit den vielen Schreien? Wem gilt der Schrei, wen wird er erreichen?

Das Buch Hiob ist voll der Schreie. Es wurde um das 2. Jahrhundert v.Chr. geschrieben, mit Redeformen der Weisheit, des Rechts, der Psalmen (wie der Auszug oben) und Hymnen. Es spricht von der beharrlichen Klage des Unschuldigen, von mannigfaltigen Schicksalsschlägen getroffen – von Trauer, Armut, Entblößung, Krankheit, Vereinsamung. Im Buch steigern sich Diskussionen und Streitgespräche und damit auch die Klage und das Gefühl immer größerer Verlassenheit. Bange Fragen wirft Hiob hin vor Gott, der sich lange in Schweigen hüllt. Die klugen Vernunftreden seiner Freunde verschärfen nur noch seine Not; Gott strafe nicht den Gerechten, so reden sie auf ihn ein. Von Trauer und Schmerz überwältigt findet er dennoch die Kraft, die Reden der Freunde zu erwidern und den Gedanken zurückzuweisen, dass sein Schicksal die direkte Folge seiner Sünden sei.

Hiob erscheint im vorliegenden Textauszug in seiner äußersten Verzweiflung: er macht sich nichts mehr vor, gute Ratschläge erreichen ihn nicht mehr. Die Nacht ist die Nacht, und er wird in ihr ausharren. „Die Fasern meines Herzens sind zerrissen“, heißt es in einer der Übersetzungen; Herzenswünsche sind verstummt und deren Stille ruft den Tod herbei. Menschliche Beziehungen schwinden dahin, der Horizont wird eng; Hiob schaut in die Verwesung und nennt sie Vater, Mutter, Schwester! Ihm geht der Lebensatem aus, wie dem Psalmisten (Ps 143,5). Unaufhaltsam, bei den an Covid-19 Verstorbenen; gewaltsam, bei George Floyd…

In seiner Not zerreißt Hiob nicht den dünnen Faden, der ihn noch mit Gott verbindet – wenngleich die Verbindung nur noch aus Klagen und Forderungen besteht. Und etwas weiter, noch bevor Gott endlich das Wort ergreift, knüpft er an sein Grundvertrauen an: „Doch ich weiß, mein Erlöser lebt: als Letzter erhebt er sich über dem Staub.“ (Hiob 19,25)

In seiner ausführlichen Antwort, am Ende des Buches Hiob, umreißt Gott den größeren Horizont, das Geheimnis der Schöpfung. Er greift die Rhetorik der Strafe nicht auf, lässt keinen Zweifel an Hiob’s Unschuld. Andererseits liefert er keine Antworten auf die von Hiob und seinen „Freunden“ diskutierten Fragen um den Ursprung des Leids, das über Hiob gekommen ist. Aus solchen Debatten kann wohl kaum Hoffnung erwachsen.

Was tun angesichts des Schreis unseres Mitmenschen? Wie lässt sich dessen „Hoffnung erblicken“, wenn nicht durch die Nähe, die gereichte Hand? Genau diese Art von Hoffnung, konkret und solidarisch, ist auf dem nebenstehenden Bild dargestellt. Das Werk des israelischen Künstlers Jehuda Bacon bedeckt eine große Wand in der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem. Es trägt den (sklovakischen) Titel „Člověku který mi vrátil víru – Der Mensch der mir meinen Glauben wiedergegeben hat“. Eine Lichtgestalt reicht der verletzten, erniedrigten Person die Hand und führt sie der Hoffnung entgegen, die vor ihnen liegt – einer lichten Welt ohne Hass und Unterdrückung.

Christen glauben, dass Jesus Christus, der „Mensch für andere“ (Bonhoeffer), sich durch sein Leiden und seine Auferstehung an die Seite aller Opfer der Welt gestellt hat. Gott hat sich somit selbst dem Bösen ausgeliefert um es durch die Liebe zu überwinden – das ist Gottes Antwort auf die Frage des Bösen.

Während den Gebetswachen der ACAT lassen wir uns von den Schicksalen der Opfer von Gewalt und Willkür berühren und bringen die Anliegen unserer Mitmenschen vor den Gott Hiobs und Jesu Christi.

Elisabeth Werner

„Der Mensch der mir meinen Glauben wiedergegeben hat“, Werk von Jehuda Bacon, ausgestellt in der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem

(Foto: Elisabeth Werner)